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Preisgekrönter Weg vom Ausbilder zum Lernprozessbegleiter

Früher war alles ganz anders - früher war alles besser? Nein. Petra Scharfschwert ist bei dieser Frage ganz entschieden anderer Meinung. Früher war sie Ausbilderin bei der Deutschen Telekom AG. Heute ist sie Lernprozessbegleiterin.

Preisgekrönt

Der Deutsche Arbeitgeberpreis 2005 wird in den vier Kategorien „Schule, Hochschule, Berufsschule und Betrieb“ verliehen. Die Deutsche Telekom AG ist der diesjährige Preisträger in der Kategorie „Betrieb“ und stiftet das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro dem Projekt „gemeinsam-stark“. Darin wird mit und für Menschen mit Behinderung eine barrierefreie Plattform eingerichtet.

Und das ist mehr als nur ein neuer Name für die gleiche Tätigkeit. Dahinter steht eine große Umwälzung: Die Rolle und damit das Selbstverständnis von Ausbildern haben sich grundlegend geändert. Vor etwas mehr als einem Jahr hätte sich Petra Scharfschwert das wohl nicht träumen lassen: „Ich bin nicht mehr diejenige, die den Azubis den Weg vorgibt. Ich bin diejenige, die den jungen Menschen hilft, sich selbst zu finden.“ Ein Konzept, von dem sie begeistert ist – und nicht nur sie. Gerade hat die Telekom „für das vorbildliche Konzept der Qualifizierung von Ausbildern“ den „Deutschen Arbeitgeberpreis für Bildung“ der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) bekommen.

Joachim Kohlhaas, Leiter Berufsausbildung bei der DeutscheTelekom AGJoachim Kohlhaas

In der Begründung der Jury heißt es dazu: "Das Konzept 'Vom Ausbilder zum Lernprozessbegleiter' ist ein Bestandteil der Personalentwicklung. Es ist darauf ausgerichtet, die fachlichen, pädagogischen und sozialen Kompetenzen der Ausbilder kontinuierlich weiter zu entwickeln." Was aber heißt das konkret? Joachim Kohlhaas, Leiter Berufsausbildung bei der DeutscheTelekom AG, weiß die Antwort. "Die Ausbilder sollen nicht mehr nur ihr Fachwissen weitergeben. Sie sollen vielmehr die Auszubildenden anleiten, sich auf den permanenten Wandel in ihrem Berufsleben einzurichten und das Lernen zu lernen. Damit können sich die jungen Mitarbeiter benötigtes Wissen bei Bedarf zielgerichtet aneignen."

Klaus Küper vom Competence Center Ausbildung in MünsterKlaus Küper

Was so einfach klingt, ist das Ergebnis eines einjährigen Pilotversuchs, in dem so manche Hürde überwunden werden musste, räumt Klaus Küper vom Competence Center Ausbildung in Münster ein. Er hat das Konzept entwickelt und den Anstoß gegeben, damit aus Ausbildern Lernprozessbegleiter wurden. "Der Begriff kommt natürlich nicht von ungefähr", sagt Küper. "Die Telekom war als Pionier ja bei der Entwicklung der Arbeitsprozessorientierten IT -Weiterbildung mit im Boot." Das dort verankerte Konzept des prozess- und handlungsorientierten Lernens hat auch in die Ausbildung Eingang gefunden. Nicht ohne Grund: "Wir bilden im Konzern rund 11.500 Azubis, darunter 4.200 junge Frauen aus, die sich ständig auf neue technische und fachliche Anforderungen einstellen müssen. Da reicht traditionelles Lernen nicht mehr aus." Bester Beweis: Gerade entsteht mit dem "Kaufmann für Dialogmarketing" ein neues Berufsbild, bei dem sich die Telekom AG engagieren wird. "Für diesen und andere neue Berufe wird allein herkömmliches Fachwissen auch bei den Ausbildern ohnehin nicht mehr ausreichen. Gefragt ist stattdessen Kompetenz, sich neues Wissen selbst zu organisieren."

Gefordert war also ein Konzept, das individuellen, verantwortlichen, selbstständigen Wissenserwerb fördert. Und dieses Konzept setzt bei der Schaltstelle, den Ausbildern an. "So wie bei der APO IT übernimmt auch in der Erstausbildung der Ausbilder die Rolle eines Lernprozessbegleiters, ist also eher eine Art Coach", definiert Klaus Küper den Anspruch. Von diesem Rollenwechsel waren längst nicht alle Ausbilder sofort begeistert, räumt er freimütig ein. "Aus der anfänglichen Skepsis ist aber inzwischen Begeisterung geworden", freut er sich. Das hat vor allem damit zu tun, dass in dem bundesweiten Pilotversuch die ersten 40 von rund 600 Ausbildern und 100 Koordinatoren zu Lernprozessbegleitern qualifiziert wurden und nun ihre Erfahrungen weitergeben. Auf ihrem Weg begleitet wurden die Teilnehmer des Pilotversuchs unter anderem von Detlef Flügge und Udo Vormbrock. Beide sind erfahrene Lernprozessbegleiter, die auch im Rahmen der APO IT Kandidaten auf ihrem Weg zum IT-Spezialisten begleiten. Und die mit dafür sorgen, dass die Weiterbildung nahtlos in die Arbeitsprozesse der Kandidaten integriert wird. Ihr Wissen und ihre Erfahrungen haben sie jetzt auch an die Ausbilder des Konzerns weitergegeben.

Lernprozessbegleitung

Auf dem Weg zum Lernprozessbegleiter erarbeiten die Ausbilder mit ihren Auszubildenden fünf große Teilprozesse:

Gemeinsames Einordnen des aktuellen Ausbildungsstandes und gegenseitiges Kennenlernen.

Gemeinsames Vereinbaren von Lernzielen und Lernschritten.

Organisieren von geeigneten lernhaltigen Leistungs- und Arbeitsprozessen und Aufgabenstellungen. Vereinbaren der selbstgesteuerten Durchführung.

Beobachten und Begleiten des Arbeits-Lernprozesses durch den Ausbilder.

Ausbilder begleitet den Auszubildenden bei der Erstellung von Dokumenten und Berichten.

Neue Herausforderungen für alle Beteiligten
„Das Konzept verlangt auch einen Rollenwechsel“, weiß Udo Vormbrock. Und der kann nur durch langsames Umdenken Schritt für Schritt erarbeitet werden. Deshalb wurde in der einjährigen Qualifizierung auch mit der Hilfe von Workshops und vielen Reflektionsgesprächen einzeln und in der Gruppe thematisiert, wie die angehenden Lernprozessbegleiter ihre Auszubildenden zum Lernen in Prozessen motivieren können. Detlef Flügge hält dafür ein einprägsames Bild bereit: „Bislang saßen Ausbilder und Auszubildender gemeinsam auf einem Motorrad. Der Ausbilder saß vorne und gab den Weg vor. Jetzt ist der Auszubildende am Lenkrad und der Lernprozessbegleiter fährt im Beiwagen mit.“ Deshalb muss sich der Telekom-Nachwuchs jetzt auch solchen Fragen stellen: „Was willst Du lernen? Wie willst Du dieses Ziel erreichen? Was hast Du gut gemacht, was kannst Du noch verbessern?“
Auf diese ganz andere Herausforderung des beruflichen Selbstverständnisses werden die Ausbilder in ihrer einjährigen Qualifizierung intensiv von Flügge, Vormbrock und anderen Kollegen vorbereitet. „Unser großes Ziel: Weg von der bisherigen Konsumentenmentalität. Hin zu mehr Selbstständigkeit und Individualität“, ergänzt Vormbrock. Allein gelassen wird in dieser Qualifizierung niemand – und auch nicht ohne Fahrplan. Es gibt zum Beispiel fünf Teilprozesse, die Ausbilder und Auszubildender gemeinsam durchlaufen. Nur dass der Ausbilder hier eher vorbereitet, anstößt, beobachtet, begleitet, nachhakt, statt zu lenken, vorzugeben oder klassisch abzufragen. Diese Prozesse müssen die Lernprozessbegleiter auch in ihrer Qualifizierung dokumentieren und ihre Lernerfahrungen in einem abschließenden Gespräch mit Vormbrock, Flügge und Kollegen darstellen. Die Erfahrungen, die dabei gemacht wurden gehen ein in die zweite „Ausbilder-Qualifizierungswelle“, die gerade anrollt.

Freiheit mit Grenzen
In der Qualifizierung lernen die Ausbilder nicht nur, die richtigen Fragen zu stellen. Sondern vor allem die Bedürfnisse ihrer jungen Kollegen individuell zu betrachten. Nicht jeder Azubi reagiert gleich auf dieses Angebot. Und nicht alle wissen die Freiheiten des Lernens angemessen zu schätzen. „Auch das gehört zur Qualifizierung dazu: Ich muss wissen, wo es für mich als Lernprozessbegleiter unumgänglich ist, feste Vereinbarungen zu treffen und Grenzen zu setzen“, so Flügge. Bei Jessica Wiebusch, 17 Jahre alt und Auszubildende im ersten Lehrjahr zur Kauffrau für Bürokommunikation, kommt diese neue Art der Ausbildung gut an. „Ich wusste zwar im Anfang nicht genau, was mich da erwartet, aber es gefällt mir, selbstständig zu organisieren und zu entscheiden.“

Lernprozessbegleitung

Umfangreiche Informationen zum Thema Lernprozessbegleitung in der IT-Weiterbildung zu Rolle, Profil und Praxis finden Sie hier:

Schließlich ist das ja auch kein Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden: „Ich weiß ja, dass ich immer fragen kann und Tipps bekomme, wenn ich sie brauche“, ist sie sich sicher. Dazu dienen zum Beispiel auch die regelmäßig vereinbarten Gespräche mit ihrer Lernprozessbegleiterin Petra Scharfschwert. Nach ihrer eigenen Qualifizierung betreut die Bielefelderin nun 15 Auszubildende nach dem neuen Konzept. „Die Gespräche sind gerade am Anfang zeitaufwändig.“ Fachfragen können die Auszubildenden dafür aber im Betrieb, wo sie rund 70 Prozent ihrer Ausbildungszeit verbringen, dafür sehr viel zielgerichteter und schneller stellen.„Wir bekommen durchweg positive Rückmeldung von den Praktikern aus dem Unternehmen, dass die Azubis selbstverantwortlicher und effizienter mitarbeiten“, freut sich Petra Scharfschwert.


 

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